Manche Unternehmer treten in Talkshows auf. Dann gibt es da noch Martin Herrenknecht, einen Mann, der lieber unter Tage arbeitet als im Rampenlicht zu stehen. Er gehört zu den reichsten Deutschen – laut Forbes verfügt er über ein geschätztes Vermögen von 1,4 Milliarden Dollar –, doch außerhalb von Baden-Württemberg kennen ihn nur sehr wenige Menschen. Das sagt vielleicht mehr über seine Persönlichkeit aus als jede Biografie.
Alles begann mit einem Darlehen. Im Jahr 1977 lieh sich Herrenknecht 25.000 Deutsche Mark von seiner Mutter, um sein Ingenieurbüro zu gründen. Kein Börsengang mit PR-Kampagne, kein Risikokapital aus dem Silicon Valley und kein bekannter Mentor. Es war einfach nur ein junger Ingenieur aus Lahr mit einer Idee und der Überzeugung, dass der Tunnelbau neu gedacht werden könne. Damals hätte er sich wohl in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass aus diesem bescheidenen Anfang einmal ein weltweiter Marktführer werden würde.

Heutzutage werden der Gotthard-Basistunnel in der Schweiz, der Bosporus in der Türkei, das New Yorker U-Bahn-Netz und die Wüste rund um Doha von Maschinen durchquert, die den Namen Herrenknecht tragen. Seine Technologie kommt auch im 18 Meilen langen Chesapeake-Bay-Brücken-Tunnel in Virginia zum Einsatz. Wie viele Kilometer Tunnel weltweit mit seinen Maschinen gebaut wurden, ist kaum vorstellbar – und wie wenige Menschen überhaupt wissen, wer dafür verantwortlich ist.
Je nach Quelle kann die Schätzung des Vermögens von Martin Herrenknecht eine Herausforderung darstellen. Derzeit belegt er Platz 2700 auf der globalen Forbes-Liste mit einem geschätzten Vermögen von 1,4 Milliarden US-Dollar. In der Wikipedia-Liste der deutschen Milliardäre aus dem Jahr 2024 werden zwei Milliarden genannt. Anfang 2026 veröffentlichte das Magazin „Wealth“ eine Zahl von 1,25 Milliarden Euro. Die „Badischen Neuesten Nachrichten“ schätzen den Wert der Familienstiftung auf 900 Millionen Euro, doch es ist unklar, inwieweit diese Schwankungen mit dem Vermögen des nicht börsennotierten Unternehmens zusammenhängen. Höchstwahrscheinlich kennt nur er selbst die genaue Zahl.
Fast 96 % der Herrenknecht AG befinden sich in seinem direkten Besitz; sein Bruder hält den verbleibenden Anteil. Das Unternehmen scheint bewusst nicht börsennotiert zu sein. Fragt man die Menschen in Schwanau nach ihren Werten, nennen sie Kontrolle, Kontinuität und Familientradition. Seit August 2022 sitzt sein Sohn Martin-Devid Herrenknecht, Jahrgang 1986, im Vorstand und ist für den Geschäftsbereich Bergbau verantwortlich. Ein reibungsloser Übergang, der offenbar schon seit Jahren geplant war.
Im Sommer 2022 feierte Herrenknecht seinen 80. Geburtstag, ohne den üblichen Kreis enger Freunde und Familienangehöriger einzuladen. Stattdessen lud er 1.600 Mitarbeiter und 400 VIPs ein. Die Ehrlich Brothers zeigten eine Zaubershow, Barbara Schöneberger moderierte, und Roland Kaiser sang in der Baden-Arena in Offenburg. Das Essen wurde von rund 180 Köchen des mit einem Michelin-Stern ausgezeichneten Restaurants „Adler“ zubereitet. Die geschätzten Kosten belaufen sich auf einen bescheidenen siebenstelligen Betrag. Dennoch ging er am Freitag, dem Tag seines Geburtstags, wie gewohnt zur Arbeit. Erst am Samstag begannen die Feierlichkeiten. Das wirkt nicht wie eine Show. Das klingt nach Überzeugung.
Eine bestimmte Art deutscher Unternehmer macht nicht viel Werbung für sich selbst: mittelständische Familienunternehmen, die internationale Märkte beherrschen, ohne dass die breite Öffentlichkeit davon weiß. Das vielleicht beste Beispiel ist Herrenknecht. Sein Unternehmen erzielte 2023 einen Umsatz von 1,2 Milliarden Euro – und veröffentlicht diese Zahl als seinen jüngsten bekannten Kennwert, ohne Quartalsberichte, ohne Analystenkonferenzen, ohne den Medienrummel börsennotierter Unternehmen.
Martin Herrenknecht ist mit 84 Jahren noch immer quicklebendig. Von außen lässt sich nur schwer einschätzen, ob er aktiv im Unternehmen tätig ist oder als Berater fungiert. Die Tatsache, dass sein Sohn nun die operative Leitung innehat, deutet jedoch darauf hin, dass sich das Unternehmen bereits auf die nächste Phase seiner Geschichte vorbereitet. Es ist anzunehmen, dass dies von den meisten Menschen unbemerkt bleiben wird. Martin Herrenknecht hätte es nie anders gewollt.