In der Politik kommt es vor, dass sich jemand schlagartig von einem Abgeordneten zu einem Opfer wandelt. Laut Sebastian Fiedler, dem SPD-Abgeordneten des Wahlkreises Mülheim-Essen I im Bundestag, wurde dieser Wandel durch eine Virusinfektion ausgelöst. Anders als bei einer gewöhnlichen Erkältung wuchs er nicht einfach aus der Infektion heraus. Vielmehr war da noch etwas. Etwas Substanzielles, Unwahrnehmbares und rechtlich schwer zu Beschreibendes.
Nachdem er an Long Covid erkrankt war, entwickelte Fiedler ME/CFS, was für Myalgische Enzephalomyelitis und Chronisches Erschöpfungssyndrom steht. Dieser Begriff wird von denen, die ihn zum ersten Mal hören, wahrscheinlich unterschätzt. Wenn das Wort „Erschöpfung“ fällt, kommen einem Bilder von Müdigkeit, einem langen Arbeitstag und einem dringend benötigten Wochenende in den Sinn. Die Krankheit ist jedoch nicht das, was sie zu sein scheint. Menschen, die unter dem sogenannten „Brain Fog“ leiden – einem Gefühl der Benommenheit, das normales Denken erschwert –, berichten von Konzentrationsschwierigkeiten. Zudem verschlimmert sich der Zustand schon bei geringer Anstrengung und ist durch lähmende körperliche Erschöpfung gekennzeichnet.

Das war nichts, was Fiedler für sich behielt. Er sprach öffentlich darüber, auf der deutschen Website Abgeordnetenwatch, in politischen Zusammenhängen und in Antworten auf Fragen aus der Öffentlichkeit. Er schrieb: „Erst durch meine Langzeit-COVID-Erkrankung wurde mir die schwerwiegende und weit verbreitete Krankheit ME/CFS bewusst“, und man muss ihm glauben, denn diese Aussage klingt eher nach aufrichtigem Schock als nach politischer Intrige. So, als würde jemand erklären, wie er auf eine Wand gestoßen ist, die er zuvor noch nie gesehen hatte.
Auch politisch ist dies bemerkenswert. Fiedler ist kein Experte für Gesundheitspolitik. Als ehemaliger Polizeichef und ehemaliger Bundesvorsitzender des Deutschen Kriminalbeamtenverbandes bringt er tatsächlich Erfahrung und Einfluss in Bereichen wie Kriminalpolitik und innere Sicherheit mit. Es ist nicht seine übliche Vorgehensweise, sich für eine verbesserte Versorgung, interdisziplinäre Ambulanzen und mehr Forschungsgelder einzusetzen; vielmehr hat seine persönliche Erfahrung seinen Weg verändert.
Es ist schwer vorstellbar, dass ein Politiker, der Kampfsport unterrichtete, jahrelang Wirtschaftskriminalität untersuchte und es gewohnt ist, Fälle zu lösen, plötzlich mit einer Krankheit konfrontiert wird, für die es nur sehr wenige bewährte Behandlungsmethoden gibt und deren Ursachen trotz Forschung noch weitgehend unbekannt sind. Daraus ergibt sich eine seltsame Dissonanz. Vielleicht erklärt diese Dissonanz auch, warum er das Thema so unverblümt und direkt anspricht.
Die Lage der ME/CFS-Patienten in Deutschland ist ziemlich bedrückend. Obwohl davon ausgegangen wird, dass über 300.000 Menschen in diesem Land von der Krankheit betroffen sind, gibt es unzureichende Diagnosekapazitäten, einen Mangel an qualifizierten Fachärzten und eine fehlende breite gesellschaftliche Akzeptanz. Das Bundesgesundheitsministerium hat ein klinisches Register und eine Biobank ins Leben gerufen, und das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert klinische Studien im Bereich Post-COVID; es ist jedoch unklar, ob dies ausreichen wird. Fiedler machte deutlich, dass er die derzeitige Situation für unzureichend hält.
In Deutschland ist es nach wie vor ungewöhnlich, dass ein Abgeordneter offen über seine eigene Erkrankung spricht. Persönliche Gesundheit und politische Kultur werden als getrennte Bereiche betrachtet. Fiedler hat diese Barriere nicht auf spektakuläre Weise durchbrochen, sondern still und ohne großes Aufsehen. Und dies hat eine Reihe von Ereignissen ausgelöst, darunter Bürgeranfragen, Debatten im Bundestag und ein gesteigertes Bewusstsein für eine lange verschleierte Krankheit.
Das Ausmaß dieses Einflusses ist noch unbekannt. Es bleibt abzuwarten, ob die langfristige Forschungsförderung, interdisziplinäre Ambulanzen, ein Netzwerk von Kompetenzzentren und andere politische Versprechen so umgesetzt werden, dass die Belastung der Betroffenen deutlich verringert wird. In Deutschland ist die Gesundheitspolitik häufig ein langwieriger Prozess, der durch Vereinbarungen zwischen Bundesregierung, Bundesländern und Krankenkassen geregelt wird. Doch ein Wandel hat bereits stattgefunden: Jemand mit einem Mandat und einer Stimme erklärt, persönlich betroffen zu sein. Dies verändert die Debatten allmählich, aber spürbar.