Es gibt Politiker, die man am liebsten vergessen würde, sobald sie ihr Amt niedergelegt haben. Zu ihnen gehört Thomas de Maizière nicht. Wer ihn jemals bei einer Pressekonferenz erlebt hat, fragt sich unweigerlich, was sich hinter dieser Fassade verbirgt – hinter dieser gelassenen Gelassenheit, dieser sorgfältigen Abwägung jedes einzelnen Wortes. Und seit er im März 2018 das Bundesinnenministerium verlassen hat, fragen sich die Menschen immer häufiger, wie es ihm geht.
Suchmaschinen liefern nach wie vor Suchergebnisse zur Frage nach Thomas de Maizières Krankheit. Das ist bemerkenswert, da de Maizière nie öffentlich über nennenswerte gesundheitliche Probleme gesprochen hat. Die Tatsache, dass er nach einer jahrzehntelangen Karriere im Rampenlicht plötzlich so still geworden ist, mag der einzige Grund für dieses Interesse sein. Ein Mann, der drei verschiedene Bundesministerien leitete, als enger Vertrauter von Angela Merkel galt und gelegentlich sogar als potenzieller Nachfolgekandidat für das Amt des Bundeskanzlers gehandelt wurde – ein solcher Mann verschwindet nicht einfach spurlos. Oder doch?

De Maizière wurde am 21. Januar 1954 in Bonn in eine hugenottische Familie mit starken politischen Verbindungen zu Deutschland geboren. Sein Cousin Lothar de Maizière war der letzte und einzige demokratisch gewählte Ministerpräsident der DDR (Ostdeutschland), während sein Vater Ulrich de Maizière als Generalinspekteur der Bundeswehr tätig war. Dieser Stammbaum ist alles andere als gewöhnlich. De Maizière schien stets die Vorstellung verinnerlicht zu haben, dass Verantwortung in bestimmten Familien wie ein Handwerk weitergegeben wird.
Er, Ursula von der Leyen und Wolfgang Schäuble gehörten von 2005 bis 2018 zu den verlässlichsten Persönlichkeiten in Merkels Kabinetten. Wer über einen längeren Zeitraum unter der ständigen Belastung der deutschen Bundespolitik arbeitet – einschließlich der Flüchtlingskrise, des NSA-Skandals, von Terrorwarnungen und Verteidigungsreformen –, zahlt dafür einen Preis. Von außen lässt sich kaum sagen, ob dieser Preis für de Maizière psychologischer oder physischer Natur war. Jedenfalls könnte niemand dafür zur Rechenschaft gezogen werden.
Was der Öffentlichkeit bekannt ist: De Maizière lehrte nach seinem Ausscheiden aus dem Innenministerium im Jahr 2018 Verfassungsrecht an der Universität Leipzig. Er war kurzzeitig Mitglied des Finanzausschusses des Bundestages, bevor er 2021 sein Mandat für den Wahlkreis Meißen niederlegte. Seitdem hat er sich kaum noch geäußert. Zudem wird dieses Schweigen fälschlicherweise als Zeichen von Erschöpfung, Rückzug oder gar einer nicht näher bezeichneten Krankheit gedeutet.
Ein Rückzug aus freiem Willen ist nicht dasselbe wie einer, der durch äußere Faktoren erzwungen wird. Bislang gibt es kaum Anhaltspunkte dafür, dass de Maizière klinisch erkrankt ist. Pressekonferenzen, Aussagen von Vertrauten und verifizierte Berichte fehlen. Da ist ein 72-jähriger Mann, der offenbar zu dem Schluss gekommen ist, dass er nach fast 40 Jahren im öffentlichen Dienst genug gesagt, entschieden und erklärt hat. Auch wenn dies allen, die daran gewöhnt sind, dass Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens transparent sind, unzureichend erscheint, kann man dies respektieren.
Die Tatsache, dass de Maizière sich immer noch gelegentlich hinter den Kulissen zu Wort meldet, ist nach wie vor faszinierend. Er hat die Politik noch nicht ganz aufgegeben, wie sein Eintreten für mehr Bundesbefugnisse im Januar 2026 gemeinsam mit der ehemaligen Bundesinnenministerin Nancy Faeser zeigt. Ein Mann wie Thomas de Maizière tritt eher zurück, als dass er zurücktritt. Das ist ein kleiner, aber spürbarer Unterschied.
Daher ist Thomas de Maizières Krankheit weiterhin ein Thema, das mehr über unsere gemeinsame Faszination für Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aussagt als über den Mann selbst. Wir sind daran gewöhnt, dass Politiker aufgrund von Krankheit, Versagen oder einer Abwahl von der Bildfläche verschwinden. Wir finden es fast unglaublich, dass jemand einfach so geht, wenn er fertig ist. Vielleicht ist das die wahre Geschichte.